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SAO TOME & PRINCIPE

VON RETO KUSTER (TEXT UND FOTOS)
Auszug aus Sonntagszeitung vom 4. April 1999

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Zwei Inseln, ein Staat und eine Mixtur aus Afrika, Portugal und der Karibik:
Sao Tome und Principe entsprechen weitgehend dem Trauminsel-Klischee, sind aber touristisches Neuland.


Wer sich entschliesst, mit Ronaldo vom Fischerort Neves in die Ciudad zu fahren, braucht Zeit. Für die 27 Kilometer entlang der Nordküste von Sao Tome benötigt der sympathische Mittvierziger mit der Hornbrille drei Stunden. Nicht, dass die Asphaltstrasse in schlechtem Zustand wäre. Auch Ronaldos geländegängiger Santana 2000 fährt einwandrei. Doch unser Chauffeur muss ständig anhalten, Ratschläge erteilen oder sich auf einen Schwatz einlassen. Man kennt sich auf der kleinen Insel, und die Leute scheinen Zeit im Überfluss zu haben.
Ciudad, schlicht Stadt, nennen die Santomenser ihre schmucke Kapitale, die wir nach einer Fahrt mit vielen Unterbrüchen erreichen. Eine zweite Ortschaft, welche die Bezeichnung Stadt verdient hätte, existiert auf den beiden Inseln des Landes nicht, und auch Sao Tome weckt eher den Eindruck eines verträumten Karibiknests denn der Hauptstadt des zweitkleinsten Staats Afrikas.

Erst wurde auf Sao Tome Zucker angebaut später Kakao

Die breiten, sauberen Promenaden werden von Kokospalmen und prachtvollen portugiesischen Kolonialbauten gesäumt, die allerdings ihr Alter angesichts des abbröckelnden Verputzes nicht verbergen können. Manche Fassaden werden neu gestrichen, in Hellblau oder Rosa. Die beiden Türme der Conceicao-Kathedrale überragen die Stadt. In der Kirche las der Papst 1993 Jahren eine Messe. Die 116000 Santomenser sind grösstenteils gläubige Katholiken.
Im Hafen erinnert eine elfenbeinfarbene Statue an den Seefahrer Femao Gomez, dessen Schiff anno 1470 vor Sao Tome ankerte. Bald darauf wurden Zuckerrohrpflanzen und Sklaven auf die unbewohnte Insel gebracht, doch nach einer Revolte im Jahre 1517 verlegte Portugal seine Zuckerproduktion nach Brasilien
Dreihundert Jahre später brachten die Portugiesen Kakaosetzlinge nach Sao Tome. Die Bäume gediehen auf dem vulkanischen Boden prächtig, und mit dem Genussmittel liess sich viel Geld verdienen. Die kleine Insel im Golf von Guinea stieg zum weltgrössten Kakaoproduzenten auf. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil auf den Rogas, den riesigen Gutsbetrieben, die Arbeiter bis 1953 wie Sklaven behandelt und kaum bezahlt wurden. Noch heute macht Kakao 90 Prozent der Exporteinnahmen aus.
Bis 1991 wurde in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Sao Tome und Principe eine marxistische Staatsideologie gepflegt. Die Herrscher schotteten die Inseln komplett ab. Heute wären Touristen willkommen. Doch 99 Prozent der Menschheit hat wohl noch nie von der Existenz der beiden Tropeninseln gehört.
Die meisten Rocas sind inzwischen baufällig, doch für die Restaurierung fehlt in der Regel das Geld. Justiniano Dias da Silva, Besitzer der Roca Sao Joao im Süden der Insel, geht neue Wege. Für Touristen hat der geschäftstüchtige Herr einige Zimmer in nostalgischem Stil eingerichtet. Zwanzig Dollar kostet die Nacht, Kolonialambiente und Besuch der Kakao- und Kaffeekulturen inklusive.
Ähnliche touristische Pläne hegt man auch auf der grössten Roca des Landes, Agostino Neto, eine halbe Fahrstunde westlich der Hauptstadt. Über den Hütten der Plantagearbeiter thront das alte Spitalgebäude, noch heute einer der mächtigsten Bauten des Landes. Offenbar war es für die Patrons wirtschaftlicher, kranke und verunfallte Arbeitskräfte medizinisch zu versorgen, als menschlichen Nachschub zu beschaffen.
Doch die Zeit steht auch in dem Inselstaat nicht still. Was draussen in der Welt geschieht, zeigt abends TV Sao Tome. Und die "Welt" heisst hier: Portugal, Angola, Kapverden, Mogarnbique, Bissau. Die Portugiesisch sprechenden Staaten pflegen untereinander enge Kontakte. Was jedoch im restlichen Afiika geschieht, interessiert auf Sao Tome kaum jemanden.
Die einseitige Ausrichtung nach Portugal - vom Bleistift bis zum Mineralwasser wird alles aus Lissabon importiert - bringt Nachteile. Tourismusminister Arzemiro dos Prazeres klagt: "Die wenigen Ausländer, die bisher zu uns kommen, sind Portugiesen  oder Brasilianer." In den Schulen werde nun Französisch oder Englisch Pflicht, sagt der Minister weiter, damit die Verständigung mit den Urlaubern aus Europa, die man im Inselreich erwarte, besser klappe.
Jacques Rosseel, belgischer Botaniker und Projektleiter der EU auf Sao Tome, schwärmt von den Möglichkeiten, welche das kleine Land bietet, etwa Trekkingtouren in das bewaldete Landesinnere und auf den 2024 Meter hohen Pico. "Zurzeit", sagt Rousseel, "werden einheimische Fremdenflührer ausgebildet, die sich in Fauna und Flora auskennen. Es soll sichergestellt werden, dass die Natur keinen Schaden nimmt. Der von der EU finanzierte Nationalpark Obo besteht zwar erst auf dem Papier, doch Jacques Rosseel ist optimistisch: "Für naturkundlich Interessierte ist die Insel ideal. Sie ist klein genug, sodass man sich nicht ernsthaft verirren kann, und gross genug für abwechslungsreiche Ausflüge."

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Mehr als die Hälfte der Principer ist unter 18 Jahren alt

Sprung auf die Nachbarinsel. Wir begegnen bald einem der gefiederten Wahrzeichen von Principe. "Er spricht zwar nicht, aber er imitiert Geräusche und Vogelstimmen", sagt Maria über ihren putzigen Hausgenossen, einen Principe-Graupapagei. Auf der kleinen Schwesterinselvon Sao Tome scheint sich alles um die Krummschnäbel zu drehen: Der 942 Meter hohe, meist in Nebelschwaden gehüllte Vulkangipfel heisst Pico Papageio, im Hafen von Santo Antonio speist der Rio Papageio den Atlantik. Aber auch soziale und wirtschaftliche Institutionen tragen den Namen des Federtiers. Von den 54 Vogelarten, die sich im Regenwald tummeln, sollen 15 nirgendwo anders auf der Welt vorkommen. Principe ist ein Paradies für Omithologen.
Principe, mit 142 Quadratkilometern sechsmal kleiner als Sao Tome, ist eine Tropeninsel wie aus dem Bilderbuch: Zwei Dutzend Buchten mit feinsandigen Stränden und meist glasklarem Wasser säumen das Eiland, auf dem gerade mal zwölf Kilometetr Asphaltstrasse existieren. Vier grosse Gutsbetriebe - jeder eine Roca aus den Blütezeiten des Kolonialhandels - produzieren rund hundert Tonnen Kakaobohnen pro Jahr und verschaffen einein Grossteil der 6000 Principer Arbeit.
Aber das feuchte Tropenklima nagt an den Hinterlassenschaften der Portugiesen: Das alte Bankgebäude, Relikt aus glorreicheren Zeiten, ist abbruchreif. Viele Villen einstiger Grossgrundbesitzer sind nur noch Ruinen, überwuchert von Urwaldvegatation.
Besucher mögen von der romantischen, friedlichen Abgeschiedenheit Principes angetan sein, doch die örtliche Jugend - die Hälfte der- Bevölkerung ist jünger als 18 - hat nur die Wahl zwischen Plantagenarbeit und Fischerei. Beide Beschäftigungen reichen knapp zum Leben. Wohlstand verspricht man sich auch hier vom Tourismus. Damiano Vaz de Almeida, Gouverneur von Principe, ist nicht gerade bescheiden: "Principe ist die westafrikanische Version der Seychellen",  meint er stolz. Investoren aus der Schweiz, räumt er gleich noch ein, seien sehr willkommen. Die Infrastruktur ist noch dürftig: Nur gerade eine Hotelanlage  ist hier zu finden - auf einer vorgelagerten Insel. Das "Bom Bom Island Resort" beherbergt sporadisch Hobby-Hochseefischer, die sich ihren Spass eini ges kosten lassen.
Von den grossen Tourtistensträmen werden Sao Tome und Principe noch  einige Zeit verschont bleiben. Die Schokoladen- und Papageien-Insel taucht hier zu Lande in keinem Reisekatalog auf. Neben mangelhafter Infrastruktur steht vor allem die umständliche und teure Anreise einer forschen Entwicklung im Weg.

Anreise:
TAP Air Portugal fliegt von Lissabon jeweils sonntags nach Sao Tome (Anreise ab Zürich an Samstag). Retourticket ab 1400 Franken.
Flugverhindungen zwischen Sao Tome und Principe fast täglich (Retourflug für 120 Dollar).

Unterkunft: In der letzten Zeit hat sich das Hotelangebot verbessert. Die Hotels "Miramar" und "Marlin Beach" sowie das "Bom Bom Island Resort" nahe Principe bieten für 100 Dollar pro Nacht internationalen Standard. "Residencial Avenida" und "Hotel Baia" kosten nur 50 Dollar. Für 20 Dollar nächtigt man in der "Pensio Turismo" und der "Pensao Corvalho".
Ausserhalb der Hauptstadtund auf Principe gibt es nur billige Familienpensionen oder die Möglichkeit, die Nacht in einer Roca zu verbringen.

Reisezeit:
Die Regenzeiten dauern von September bis Dezember und von März bis Mai. Die restliche Zeit über ist es sonniq. Die Insel Principe erhält generell mehr Niederschlag.

Gesundheit:
Gelbfieber-Impfung ist obligatorisch, Malaria-Prophylaxe wird empfohlen.

Geld:
Es empfiehlt sich, US-Dollars in bar mitzunehmen, denn Hotels verlangen in der Regel Devisen. Reisechecks werden ohne Probleme in der Lokalwährung (Dobra) ausbezahlt.

Sprache:
In den qrösseren Hotels wird Englisch und Französisch gesprochen, ansonsten meist nur Portugiesisch
Literatur: Einzig der englische Reiseführer "Central Africa" von Lonely Planet beinhaltet ein kurzes Kapitel über Sao Tome und Principe.

Infos und Visum:
Infos und Visa (für sämtliche Nationalitäten obligatorisch) bei der Botschaft in Brüssel: Ambassade de la Republique Democratique de Sao Tome et Principe, Avenue de Tervuren 175, B-1150 Bruxelles, Tel 0032 2 734 8966,: Fax 734 8815
E-Mail: ambassade.sao.tome@skynet.be

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